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FSJler in Südafrika / WM 2010

 

Ein Land im Ausnahmezustand

Von Vuvuzelas, Tänzen und purer Lebensfreude    

Im Auftrag und mit Förderung des Landessportbundes NRW hatte ich dank meines Freiwilligen Sozialen Jahres im Sport beim SC Fortuna Bonn die Möglichkeit, mit fast 50 anderen fußballbegeisterten Jugendlichen aus Nordrhein-Westfalen drei Wochen lang die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika live mitzuerleben. Auf dem Programm standen Begegnungen mit südafrikanischen Fußballern und sozialen Einrichtungen, Besichtigungen, aber auch der Besuch dreier WM-Spiele. Wir wohnten in einem Internat in Nelspruit, der Hauptstadt von Mpumalanga, im Nordosten von Südafrika.  

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Hier mein erster Bericht:

 

„Uns Uwe“  wäre sicher stolz, wenn er heute noch solche Schlagzeilen machen würde! Die Vuvuzela, von uns allen hier liebevoll „Uwe Seeler“ genannt, übertönt in diesem Land einfach alles, von morgens bis abends! Wir werden von ihr morgens geweckt und weit nach Mitternacht in den Schlaf „gepustet“! Was sicher genervte Normal-Europäer am Fernseher vielleicht gar nicht verstehen, erschließt sich einem Besucher Südafrikas hier vor Ort jedoch ziemlich schnell. Schon an der Supermarktkasse wurde ich völlig fassungslos gefragt, was wir Deutsche denn bitten gegen „Uweseela“  hätten. Dass deutsche oder europäische Fußballfans ihre Stimmung von der Leistung des Teams abhängig machen oder eher durch textsichere Schmährufe den Gegner verunglimpfen, wird hier in Nelspruit, der Hauptsadt Mpumalangas, dagegen kaum verstanden.

Überall, wo ich hier als Deutscher auftauche, wird spontan getanzt. Ich werde sofort zum Klatschen und Mitsingen animiert oder in den sehr beliebten Tanzkreis gleich mit einbezogen, bei dem die Menge einen Kreis um jeweils zwei Tänzer bildet, die, nachdem sie ihr Können präsentiert haben, zwei neue in den Kreis schicken.

Afrikaner tanzen aber nicht nur so vor sich hin, sie drücken vielmehr ihre Stimmung aus. Und die ist in diesen Tagen oftmals überschäumende Lebensfreude pur! Während wir Deutsche unbeholfen einen Tanzschritt an den anderen reihen und mühevoll unser Tanzschulrepertoire hervorkramen, führen Afrikaner spontan die beeindruckendsten und waghalsigsten Körperbewegungen völlig selbstverständlich aus. Es tanzt hier fast jeder mit jeder, ich habe den Eindruck  immer und überall: Kinder, Autofahrer, Polizisten, Putzfrauen, Weiße, Schwarze, Männer, Frauen.

Diese WM überstrahlt alles, jeder trägt hier ein Trikot der Bafana Bafana. Freitags ist dies sogar ausdrücklich erwünscht, am „Football-Friday“ darf jeder Südafrikaner, trotz seiner Berufskleidung, ein „Bafana-Bafana-Trikot“, tragen, ein Brauch, den wir vielleicht auch einmal in Deutschland einführen sollten! Sogar die Polizisten tragen kleine Mini-Vuvuzeelas bei sich.

Wenn also nun ein Fußballspiel stattfindet, feiern die Menschen deshalb nicht unbedingt das Aufeinandertreffen zweier Profimannschaften oder den Sport an sich, sondern vor allem sich selber, ihr Zusammenkommen und den schönen Moment, den „magic moment“. Alles andere ist eher nebensächlich So ist es wirklich ohrenbetäubend, wenn - wie gestern im FIFA-FAN-PARK-NELSPRUIT - beim Eröffnungspiel fast 30.000 Menschen in ihre Vuvuzelas tröten. Sie wollen einfach nur Spaß haben! Die Stimmung, die Lautstärke die Begeisterung waren einfach grandios und absolut mitreißend.

Bereits drei Stunden vor Anpfiff war der Fan-Park ein einziges gelb-grünes, buntes, lautes Meer. Die Stimmung, die dabei entsteht, ist unvergleichlich, einfach „Wahnsinn“. Kein Foto, kein Video, keine Kamera wird zeigen können, wie ekstatisch sich die Lebensfreude dieses Landes in den Stadien, in den Fan-Parks und auf den Straßen entlädt.

Doch nach mehrstündigem Feier-Marathon setzten sich mit dem Anpfiff alle Zuschauer plötzlich hin und verfolgten gebannt das Spiel, es war komplett ruhig, völlig anders als auf deutschen Fan-Meilen im Jahre 2006, als die Stimmung erst vom Anpfiff an mit jedem Ballkontakt der deutschen Elf besser wurde.  Doch mit dem 1:0 war es geschehen. Tshabalala zimmerte den Ball  in den rechten Winkel und ich lag urplötzlich wildfremden Menschen in den Armen, ein kleines Mädchen weinte. Vor Freude! Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Leider blieb es nach dem Tor für Mexico beim 1:1, gefeiert und getanzt wurde trotzdem bis spät in die Nacht. Bin ich geschafft - nach diesem historischen Tag für einen ganzen Kontinent! Überwältigt! Aber total glücklich, hier dabei gewesen zu sein.

                                                                                                                                                             Malte Dresen

 

 

 

9 Stunden im Taxi zum Deutschlandspiel

"Ayoba! Ayoooobaaa!" 

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Hier mein zweiter Bericht von der WM in Südafrika:

Ich bin mittlerweile über zwei Wochen in Südafrika, im Nordosten des Landes, in Nelspruit, der Hauptstadt von Mpumalanga, und habe nach den berühmten,  wichtigen ersten Eindrücken das Land und seine „Leute“ schon etwas besser kennen lernen können. Ich spüre jeden Tag, wie sehr diese Weltmeisterschaft dieses wunderschöne, widersprüchliche Land mitreißt. Ich bemerke nun aber auch jeden Tag immer mehr, wie sehr die WM das Land vor Probleme stellt. Und ich darf miterleben, wie immer wieder Vorurteile – auch meine – von den freundlichen Menschen widerlegt werden. Im Radio wird in jeder freien Minute über die chaotische, alltägliche Verkehrslage diskutiert, in den Zeitungen werden Spiele zu „Schlachten“ hochstilisiert und an den Theken die „Bafana Bafana“ zum Titel geredet.

Auf den Straßen, in den Fan-Parks und gerade auf dem Weg ins Stadion springt einem vor allem ein Wort ins Auge: „Ayoba“. Im Nordosten Südafrikas wird auch Swati gesprochen, und „Ayoba“ bedeutet in dieser Sprache ungefähr so viel wie „super“. Die Menschen rufen es  überall freundlich lächelnd und winkend den ausländischen Gästen zu, es steht auf riesigen Werbeplakaten und kommt mindestens so häufig vor wie die Vuvuzelas, macht nur nicht so viel Lärm!

Wir wohnen etwa einen Kilometer vom Lager der chilenischen Nationalmannschaft, und dementsprechend werden wir Deutsche meistens für Chilenen gehalten. „Ayoba“ wird uns zugerufen, wir rufen zurück: „Ayooobaaa“!“ Es wird spontan geklatscht, Hände geschüttelt, man fühlt sich einfach willkommen. Doch gleichgültig, aus welchem Land man kommt, alle Gäste werden überall gleich herzlich begrüßt, und wirklich jeder Mensch versichert einem, wie froh er ist, dass man zu Gast hier in Südafrika ist. GASTFREUNDSCHAFT wird hier in diesem Land wirklich groß geschrieben! Man hat auf einmal das Gefühl, irgendwie zuhause zu sein! Und alle von uns sind ja zum ersten Male hier! 

Die WM 2006 in Deutschland zeichnete sich vor allem durch gute Organisation aus, und auch  diesmal ist dieses gigantische Sportereignis weitestgehend hervorragend organisiert. Bis auf mehrere Streiks, u. a. der lokalen Security-Firmen, bekommt man andere Negativbeispiele bestenfalls nur per Mundpropraganda  mit. Hier vor Ort in Nelspruit läuft die Organisation erstaunlich gut. Wieso eigentlich erstaunlich? Wieder so ein Vorurteil von mir!

Ich konnte mittlerweile zwei WM-Spiele „live“ besuchen. Das erste war das sicher schon legendäre Spiel Deutschland gegen Australien, für das wir spontan „auf dem freien Markt“ acht Karten ergattern konnten. Wir benötigten neun Stunden im Minibustaxi bis nach Durban. Alles hat geklappt, ohne Komplikationen! Und in diesem tollen Stadion herrschte eine Atmosphäre, die ich nie vergessen werde, ganz mal abgesehen von der tollen Leistung der deutschen Mannschaft. Poldi macht das 1:0, alle liegen sich in den Armen. Unvergesslich! Gänsehaut!

Das zweite Spiel war das Spiel im Mbombela-„Giraffen“-Stadion in Nelspruit. Es spielte Chile gegen Honduras, es fiel nur ein Tor für die Chilenen, und nach dem Spiel dauerte es über zwei Stunden, bis die Shuttle-Busse die 30.000 Fans vom Stadion endlich abgeholt hatten. Wir machten uns schon Sorgen, da wir aus Deutschland gewohnt sind, dass sich randalierende Fans bei solchen Situationen aufregen, wie es bei uns vielleicht Jeder schon mal erlebt hat. Doch die gesamten Fans, Honduraner, Chilenen und vor allem Südafrikaner feierten gemeinsam die gesamten zwei Stunden, bis die Busse kamen. Es blieb friedlich, es blieb freundlich, es ist eine tolle WM.

Welches der beiden Spiele mich tiefer bewegt hat, kann ich nicht sagen. Die WM ist eine einzige Feier, und hier vor Ort zu sein, ist ein wahnsinniges Erlebnis. Jeder Moment ist faszinierend. Dieses Land zeigt sich während der WM bisher von seiner besten Seite. Ich möchte auf jeden Fall wiederkommen. Eines Tages! Zwar nicht mit einer Gruppe von 50 Leuten, sondern mit meiner Freundin! Und ich hoffe, dass ich mit meinen Berichten vielen die herzliche Freude dieses wunderschönen Landes vermitteln konnte. Südafrika muss man einfach erleben! „Ayoba! Ayooobaaa!“

                                                                                                                                                             Malte Dresen